Jun 22
dhabermann

Pala Homestay

Bevor das Trekking beginnt, bin ich noch einige Nächte alleine in Yuksom. Wie es auf Reisen aber so ist, lernt man ziemlich schnell ziemlich viele Leute kennen. Also war ich gar nicht so lange alleine, denn am nächsten Tag, an dem auch das Erdbeben in Nepal geschah (s. hier), lerne ich beim Mittagessen Lisa aus Holland kennen. Sie ist für einige Tage auf Reisen in Sikkim und wir verstehen uns von Anfang an wunderbar. Wir fotografieren beide gerne und nutzen den halben Tag, um einige Aufnahmen von Yuksom zu machen.

 

 Yuksom Yuksom Yuksom Yuksom Yuksom

 Gebetsfahnen wolkenverhangener Nachmittag Yuksom Gebetsfahnen

Yuksom Gebetsfahnen Yuksom Gebetsfahnen

kleiner See direkt in Yuksom

 Lisa

rießige Gebetsrollen rießige Gebetsrollen

 

Sonst gibt`s nicht so viel zu sehen, also beschließen wir für die nächsten Tage zu einem See zu laufen. Den Weg kennen wir nicht. Müssen wir auch nicht, sondern laufen einfach los und fragen uns durch. Meistens klappt´s, manchmal nicht. Aber letzten Endes helfen uns die Menschen immer weiter und zeigen uns die richtige Richtung. Nach einem langen Aufstieg gönnen wir uns eine kleine Pause. Ein paar Kinder der umliegenden Häuser sehen uns und gesellen sich zu uns. Wir verteilen ein bisschen Banane und ein paar Kekse. Als ich meine Kamera heraushole schauen sie ganz neugierig und wollen sie in die Hand nehmen. Ich zögere ein wenig, denke aber immer wieder an die Worte: „mach mal, mach mal“…. Und naja – was soll´s, ich drück den Kids die wertvolle Kamera in die Hände und lasse sie selbst ausprobieren. Ich bin erstaunt, wie sorgfältig und vorsichtig sie damit umgehen. Die kleinen Finger reichen kaum bis zum Auslöser, also helfe ich. Einmal gefunden, schießen sie Bilder im Dauermodus. Macht nichts, lösche ich wieder. Oder auch nicht, mal schauen. Letzten Endes werden das nämlich die Bilder sein, bei denen ich nach wie vor Gänsehaut bekomme. Sie sind anders. Ehrlich. Sie zeigen das, was sie in diesem Moment gesehen haben, ob scharf oder unscharf.

 

unterwegs unterwegs unterwegs Selbstportraits

Selbstportraits Selbstportraits

Beim weiteren Anstieg treffen wir im Wald auf einen Australier und kommen ins Gespräch. Australier… die reden immer viel, aber nett sind sie ja doch. In diesem Fall war es auch gut, denn plötzlich raschelt es. Kleine Steine und Geröll fallen den Weg herunter. Meterhohe Bäume fangen auf einmal an wie Federn im Wind zu schwanken, ohne jeglichen Wind. Ein paar Äste fallen zu Boden – ein Nachbeben. Es ist ein verdammt komisches Gefühl. Der Wald bewegt sich von rechts nach links und der massive Erdboden fühlt sich an wie einer dieser schlechten Bauchweggürtel von Q24. Die Vibrationen sind im ganzen Körper zu spüren. Nur sitzen wir nicht entspannt zu Hause, sondern stehen mitten im Wald. Es wirkt intensiver als letztes Mal, dafür nicht so lange. Schlimmeres ist zum Glück wieder nicht passiert, aber es scheint wie eine Erinnerung. Eine Erinerung daran, wie klein wir in dieser Welt wirklich sind. Wie selbst die Kräftigsten kraftlos werden. Unterlegt wird das durch den späteren Erdrutsch auf der anderen Bergseite zu sehen.

 

Erschöpft erreichen wir nach ca. 6h den Berg oberhalb des Sees, wo das Pala Homestay liegt. Wie ein kleines Dorf befinden sich auf einer Anhöhe noch ca. 6-7 weitere Häuser sowie ein eigenes Kloster. Freundlich begrüßt uns die Homestay Mama und bereitet im dining room heißen Tee vor. Zwei kleine Kinder rennen auf uns zu und springen ohne Scheu auf unseren Schoß. Sie lachen, singen, erzählen oder versuchen unsere Worte nachzusprechen – was ziemlich lustig ist. Die Einrichtung ist schlicht und die Hütte komplett aus Holz. Hunde und Katzen teilen sich gemeinsam den Platz am Feuer.

 

An diesem Tag ist mal wieder viel passiert und ich weiß nicht, was es genau ist: die anstrengende Wanderung, die freundlichen Menschen, das Nachbeben, der nun beginnende Regen oder dieser warmherzige Empfang in einer fremden Welt. Stillschweigend sitze ich da und versuche alles festzuhalten. Wir werden so freundlich in eine Familie eingeschlossen, die wir gar nicht kennen. So freudig empfangen, als ob sie auf uns gewartet hätten. Und so langsam begreife ich, warum dieser Augenblick so wertvoll ist. Menschen, die mit weniger Dingen weitaus glücklicher sind als wir. Die uns sofort integrieren, obwohl wir doch so fremd sind. Die ihr Herz öffnen, bevor wir überhaupt den Schlüssel finden. Ich fühle mich innerlich leer und von der Erkenntnis doch so reich. Ich beneide sie und denke schließlich daran, wieso wir das nicht (mehr) können – oder wollen…

 

Am nächsten Tag unternehmen wir nichts. Wir liegen auf der Wiese. Chillaxen. Ich habe kein Buch dabei, kein Papier, kein Stift, rein gar nichts. Brauche aber auch nichts. Alles was ich brauche steht vor mir. Die Kuh. Schon wieder so eine Kuh. Je länger ich sie beim Grasen beobachte, desto entspannter werde ich. Wie sie da so ruhig steht, gleichmäßig kaut und völlig zufrieden wirkt. Wahnsinn! Gedankenverloren schaue ich zu. Yoga adé, Kühe olé. Die Kinder kommen schließlich aus der Schule zurück und spielen auf der Wiese. Spiele, die wir ebenfalls aus unserer Jugend kennen. Ich gehe einfach dazu und spiele mit. Die Kids freuen sich und schließen mich sofort ein. Im Gegenzug drücke ihnen alle Kameras in die Hand, die ich so finden kann. Läuft schon.

Küche

Küche Feuerplatz zum Kochen Küche Küche

 

Pala Homestay – du wirst mir immer in Erinnerung bleiben.

 

 

dhabermann
About the Author:
gelernter Reiseverkehrskaufmann, Weltenbummler und leidenschaftlicher Hobbyfotograf


2 Comments:

  1. Anne-Kristin Sturm
    Juni 23, 2015
    Reply

    Lieber Dominik, ich bin sehr berührt von deinen Bildern und dem was du schreibst. So soll es sein. Herzlichen Dank. Namaste.

  2. Britta
    Juni 26, 2015
    Reply

    Hallo Dominik,
    tolle Fotos, tolle Berichte!!! Toll, dass alles so gut läuft….dein Blog ist (häufig) meine Mittagspausenlektüre ;-))). Ich beneide Dich und finde es ganz toll. Ich hätte mich das nicht getraut! Viel Spass weiterhin!! Liebe Grüße aus dem endlich sonnigen München Britta


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